So sehe ich das

Zeigen, was man nicht kann

Nordic Walking, Wassergymnastik und Malen (oder Töpfern oder Malen und Töpfern, mitunter auch Dichten und Bildhauen) – bevorzugte Freizeitbeschäftigung reiferer Frauen. Wäre da bloß nicht der fatale Drang spätberufener Künstlerinnen, ihre neu entdeckten Talente öffentlich zur Schau zu stellen. Ein Wochenendkurs bei einer ebenfalls, aber eben schon länger dilettierenden Vorzeichnerin beseitigt alle Hemmschwellen. Ergebnis sind schamlose Präsentationen gepinselter Inkompetenz.* Es scheint, dass Ausdruckswillen im weiblichen Geschlecht häufiger vorkommt, beim Talent ist allerdings kein Vorsprung vor den Männern zu erkennen. Es ist jeweils rar gesät.

Doch wer schon möchte den Enthusiasmus der alten Mädchen mit einem aufrichtigen „Was für’n Scheiß!“ bremsen? Besser wär’s aber wohl.

Malen usw. als Selbsttherapie – in Ordnung. Aber wer ein Abführmittel schluckt, wird kaum auf die Idee kommen, das Produkt dieser Selbstmedikation öffentlich zur Schau zu stellen. Daran sollten all jene denken, die meinen, sich etwas von der Seele malen zu können.

*Kein Grund, Frauenfeindlichkeit zu wittern. Natürlich kommt diese Art naiver Selbstüberschätzung genauso bei Männern vor, aber die präsenile Hobbymalerei scheint heute unter Frauen weiter verbreitet zu sein. Und richtige Talente, weibliche wie männliche, gibt es unter den Spätberufenen mitunter auch.

Schrott bleibt Schrott

Möglichst groß, möglichst irritierend – das sind wichtige Kriterien für Kunstobjekte, um aufzufallen. Irgendwie auffallen ist Voraussetzung, bekannt zu werden und so den Marktwert zu steigern. Kapitalanleger mischen in Zeiten magerer Renditen auf herkömmliche Investitionen den Kunstmarkt auf – für Künstler und Galeristen gute Chancen, auf sich aufmerksam zu machen. Allein das zählt. Denn dem Fußballprofi, der für die Zeit danach vorsorgen will, kommt es nur auf den Marktwert und mögliche Gewinnerwartungen an. Ihm ist das nicht zu verübeln.

Wer aber den Kunstwert im Auge hat, sollte sich auf der Documenta, der Biennale oder der Art Basel nicht unter jene Banausen einreihen, die mittels aufgesetzter Kennermiene ihre Überforderung verbergen und nicht realisieren, dass sie bisweilen nach Strich und Faden verarscht werden.

Also: Auch auf den renommiertesten Kunstschauen offen und deutlich als Schrott bezeichnen, was man dafür hält.

Zweierlei Maß

Auf Theater- und Opernpremieren sind Buhrufe gesellschaftsfähig – warum nicht auf Vernissagen?