So sehe ich das

Mut zur Meinung

Mir sind Leute lieber, die sich die glutäugige Zigeunerin* in Öl aus dem Warenhaus über die Couch hängen, weil ihnen das Bild so gut gefällt, als die vielen Leitenden Angestellten, die ihr Büro mit unverfänglichen, fast schon geschmacksneutralen Mondrian- oder Vasarely-Drucken dekorieren, weil sie damit nichts falsch machen können – nur nicht mit einer profilierten Vorliebe auffallen, aber doch eine dezent fortschrittliche Einstellung signalisieren und bestimmt bei niemandem anecken.

Es geht hier nicht um einen unzulässigen Vergleich von Fließband-Kitsch mit den Werken herausragender Vertreter des Konstruktivismus und der Op Art. Es geht um die Einstellung gegenüber Kunst oder was man dafür hält. In dem genannten Beispiel mag es auf beiden Seiten an Kunstverständnis mangeln (was selbstverständlich nicht heißen soll, dass Mondrian- und Vasarely-Verehrer Banausen seien). Aber der Kitsch-Fan zeigt wenigstens Engagement.

Genau das ist die Voraussetzung der Kunstrezeption. Nicht auf kunsthistorische Kenntnisse kommt es an, sondern auf die Bereitschaft, den Wahrnehmungsfiltern Zeitgeschmack, Renommee des Künstlers, Marktwert und der herrschenden Meinung möglichst wenig Einfluss zu gewähren. Jeder soll erst mal für sich entscheiden, was gute Kunst ist. Große Klasse ist in jeder Kunstrichtung zu finden, großer Mist ebenfalls. Niemand braucht sich für sein spontanes Urteil zu schämen – auch wenn die Fachwelt anderer Meinung sein mag (womit sie nicht zwangsläufig richtig liegt).

Allerdings tut ein kunstinteressierter Laie gut daran, anerkannte Kunst genau zu betrachten – nicht alle Experten liegen daneben. Vielleicht erschließen sich ihm mit der Zeit objektive Qualitätskriterien. Denn die gibt es. Qualitätsurteile, mit dem amorphen „heutigen Kunstgeschmack“ gerechtfertigt, sind nichts wert. Ein gutes Kunstwerk bleibt es, völlig unabhängig vom Entstehungsjahr.

Ein engagiertes Fehlurteil ist immer noch viel besser, als die anti-intellektuelle Profillosigkeit, die bei zeitgenössischen Politikern schon zum Markenzeichen geworden ist, von der Bundesregierung bis zum Dorfschultes, und die der Durchschnittsbürger als karrieredienlich wie sozialadäquat schätzt.

* Das ist nun mal so wie beim Schnitzel oder der Soße: Ob auf dem Teller oder an der Wand, es bleibt beim Zigeuner. Sinti oder Roma wäre hier sogar eine noch dämlichere verbale Umsetzung von Political Correctness als das unsägliche, krampfhaft geschlechtsneutral benamste „Studierendenwerk“, die teure Gender-Lachnummer der grün-roten Landesregierung von Baden-Württemberg.