So sehe ich das

Die Angst des Kritikers vor der Aussage

Betulich wie im Lyceum-Club geht es in der Kunstkritik meist zu: kein Streit, kein ätzender Verriss, keine deftigen Verbalinjurien, allenthalben unverbindliche Langeweilerei und peinliche Lobhudelei. Das war mal ganz anders. Die ersten Pop-art-Künstler waren wohl die letzten Vertreter einer Kunstrichtung, die wüste Beschimpfungen über sich ergehen lassen mussten. Je deutlicher die Kritik, desto klarer auch die Fehlurteile. Gemeckert wird deshalb nur noch ganz leise – wenn überhaupt.

Wie es scheint, hat die Tatsache, dass die Moderne Kunst bis hin zur Artifizierung von Exkrementen im Grunde alles schon geboten hat, zur Folge, dass niemand mehr in Rage gerät. Und Kritiker wissen: Oft haben gerade die von ihren Zeitgenossen am meisten geschmähten Künstler mittlerweile einen festen Platz in den musealen Ruhmeshallen der Künste. Das macht doppelt vorsichtig.

Ist der hingeworfene Riesenhaufen Wäscheklammern ein bedeutendes Kunstwerk? Kommt sein Urheber vielleicht noch groß raus? Kein Problem, in jeden Mist die genialische Umsetzung eines großen Gedankens hineinzugeheimnissen. Die Gefahr, sich dabei zu blamieren, einem Scharlatan aufgesessen zu sein, besteht für den wohlwollenden Kritiker praktisch nicht. Denn der betreffende Künstler wird möglicherweise nie berühmt werden, also dürfte wohl niemand ihn je als Blender bezeichnen. Aber es kann ja passieren, dass der noch Unbekannte irgendwann von der Szene wenigstens vorübergehend gefeiert wird, nur weiß das eben kein Kritiker vorher so genau.

Da wäre es schon von Vorteil, diesen Shooting Star einst nicht bekrittelt, im besten Fall aber hochgelobt zu haben. Die wenigen „kritischen“ Anmerkungen waren ja nur als Absicherung gedacht und in erster Linie der eigenen Eitelkeit geschuldet. So kann sich jeder aussuchen, ob Orientierungslosigkeit, Unvermögen oder Feigheit heute die Kunstrezeption wesentlich mit bestimmen. Nicht nur der mehr oder weniger unbeholfen von der Postkarte abgemalte Sonnenuntergang mag künstlerischer Schrott sein, das kommt ebenso bei avantgardistischen Installationen vor. Nur sagt das keiner.

Das hat auch Folgen für die Kunst selbst. Ohne substanzielle Kritik fürchten zu müssen, wagen sich sogar Wenigkönner an die Öffentlichkeit, und so mancher hoch Talentierte versteigt sich mangels kritischen Korrektivs „ungestraft“ zu einer Kunstproduktion, die weit unter seinen Möglichkeiten bleibt.

Die unsägliche, feige, problemvertuschende, eine heile Welt vorgaukelnde und oberflächliche Political Correctness, ein Synonym für „Unter-den-Teppich-Kehren“, die auch auf gesellschaftlich relevanteren Feldern Diskussionen abwürgt und Engagement diskreditiert, somit Fehlentwicklungen fördert, hemmt ebenfalls die produktive Auseinandersetzung mit Kunstwerken, Künstlern und Kunstströmungen.

Für den Nichtgläubigen bleibt die Hostie auch nach den Beschwörungsformeln des katholischen Priesters nichts weiter als eine Backoblate. Auch der Haufen Wäscheklammern in der Kunstausstellung bleibt nichts weiter als ein Haufen Wäscheklammern. Er wird nicht zur Kunst, nur weil Manche daran glauben.